Politics

Michael Kellner, MdB, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten
Damen und Herren! Das ist keine Debatte, um einander
möglichst gekonnt Argumente um den Kopf zu knallen,
sondern es ist eine Debatte, in der es darum geht, zu
beschreiben, wie wir selbst zu unseren Überzeugungen
kommen. Ich weiß, dass viele Menschen sich nicht mit
dem eigenen Tod oder mit dem Thema Organspende
beschäftigen wollen; auch mir fällt das schwer.
Manche von uns haben diesen Luxus nicht. Sie müssen
sich mit diesen Themen beschäftigen, wie meine
Freundin Anke. Anke hat in der DDR eine Ausbildung als
Elektronikfacharbeiterin gemacht. Ihr
Ausbildungsbetrieb waren die Mechanischen Werkstätten
Königswartha, eine NVA-Munitionsfabrik. Dort hat sie sich eine
Kupfervergiftung zugezogen, die vermutlich der
Auslöser für ihr lebenslanges schweres Leberleiden war.
2008 hat sich ihr Gesundheitszustand rapide
verschlechtert. Anfang 2009 wurde es so schlimm, dass wir alle
dachten, Anke stirbt. Buchstäblich auf dem letzten Meter
wurde eine Spenderleber gefunden. Anke stand ganz
oben auf der Warteliste, weil es ihr so schlimm erging.
Die Transplantation im Februar 2009 glückte. Doch der
Weg hätte einfacher sein können, wenn es mehr
potenzielle Spender gegeben hätte. Schon 2009 fehlte es an
ausreichend Spenderorganen.
Wegen Anke habe ich einen Organspendeausweis. Für
mich war es nach der Erfahrung leicht, mich zu
entscheiden. Aber ich habe diesen Anstoß gebraucht, sonst hätte
ich mich vermutlich nie entschieden.
Ich bin dankbar, dass der unbekannte Spender oder
seine Angehörigen eine Entscheidung zur Spende
getroffen haben, weil die Transplantation Anke 17 gute Jahre
geschenkt hat – Jahre, die großes Glück brachten. Es gab
immer wieder gesundheitliche Rückschläge. 2025 wurde
die Situation immer schlechter. Anke war eine
Kämpferin. Sie ist Anfang des Jahres ins Krankenhaus
gekommen, weil sie wieder gesund werden wollte, weil sie
Hoffnung auf eine zweite Spenderleber hatte. Es sollte
nicht sein. Sie ist am 18. März 2026 gestorben. Ich war
bei ihr.
Eine zweite Spenderleber hätte ihre Rettung sein
können, doch wir haben auch 2026 zu wenige Organe. Die
Situation hat sich in 17 Jahren nicht grundlegend
verbessert, trotz aller Gesetze und Debatten im Bundestag.
Deswegen werbe ich für die Widerspruchsregelung.

Mehr als 8 000 Menschen warten aktuell auf ein
Spenderorgan. Wir brauchen mehr Spender für Menschen wie
Anke. Die Widerspruchsregelung ist die Lösung in den
allermeisten europäischen Ländern. Deutschland geht
einen Sonderweg, profitiert aber überdurchschnittlich von
Organspenden aus dem Ausland. Das ist für mich ethisch
schwer zu rechtfertigen.

Mit der vorliegenden Widerspruchsregelung bleibt
jeder und jede frei und gleich in ihren Rechten. Jederzeit
kann ich Nein sagen. Ich muss dafür aktiv widersprechen,
also mich einmal mit der Frage der Organspende
auseinandersetzen. Aktiv widersprechen und nicht mehr
aktiv zustimmen, das ist der Unterschied. Angehörige
werden ausnahmslos immer angehört. Auch nach dem Tod
gelten diese Regeln. Eine Organentnahme gegen den
ausdrücklichen emotionalen Widerstand einer trauernden
Familie wird niemals erzwungen. Und besonders
vulnerable Gruppen sind geschützt. Wer für sich keine
selbstbestimmte Entscheidung treffen kann, der wird nicht zum
Spender.
Und ja, eine Widerspruchsregelung allein reicht nicht
aus. Die Verbesserung der Strukturen aber eben auch
nicht. Noch mal: Niemand muss Spender sein. Die Würde
des Menschen, die Selbstbestimmung bleibt unberührt,
weil man immer Nein sagen kann. Geholfen wird mit
dieser neuen Regelung Menschen, die auf ein Organ
warten, und den Angehörigen von Spendern. Wer sich heute
nicht entscheidet, überlässt das seinen Angehörigen, die
verständlicherweise im Falle des Todes überfordert sind,
weil sie vielleicht nicht wissen, was der oder die
Verstorbene wollte, weil sie nichts falsch machen wollen,
weil sie schlicht und ergreifend um einen geliebten
Menschen trauern.
Eine Entscheidung zu Lebzeiten entlastet Menschen
und hilft anderen. Daher bitte ich um die Zustimmung
zur Widerspruchsregelung, für Anke, für die Menschen,
die heute und zukünftig auf eine Spende hoffen.
Vielen Dank.