Politics

Alexis L. Giersch, MdB, AfD

Frau Präsidentin! Kollegen! Liebe Landsleute! Die
Neugier ist den Menschen angeboren, und seit Beginn
der Neuzeit vergrößert sich deshalb das kollektive
Wissen der Menschheit rasant. Noch vor 150 Jahren war eine
Blinddarmentzündung häufig ein Todesurteil. Es ist – da
sind wir uns, glaube ich, alle einig – ein großartiger
Fortschritt der Medizin, dass schon seit vielen Jahrzehnten
niemand mehr an Blinddarmentzündung sterben muss.
Das gesamte Gesundheitssystem, das wir aufgebaut
haben, und die medizinische Forschung haben sich dem
Ziel verschrieben, Krankheiten zu behandeln und
Menschenleben zu retten. Ich bin sicher, dass Sie mir alle
zustimmen werden, wenn ich feststelle: Wir sind
glücklich über diese Errungenschaften der letzten 100 Jahre.
Während meiner beruflichen Tätigkeit als
Rettungsassistent habe ich Situationen erlebt, in denen es um
Leben und Tod ging und jede Minute zählte. Ich habe
aber auch Menschen kennengelernt, deren Leben nicht
deshalb bedroht waren, weil die Medizin für sie nichts
mehr hätte tun können, sondern weil ein lebensrettendes
Organ fehlte. Und für diese betroffenen Menschen ist
Organspende keine abstrakte politische Debatte. Es geht
um Familien, die um Angehörige bangen und im
schlimmsten Fall um Eltern, die um ihr Kind bangen.
Es geht um schwer kranke Menschen, die leben wollen.
Die Medizin von heute könnte ihnen das Leben
ermöglichen. Kein Dialysepatient, der auf der Warteliste für eine
Nierentransplantation steht, müsste versterben, wenn es
mehr Spenderorgane gäbe.
Ja, auch ich wünsche mir, dass die wissenschaftliche
Forschung für die Zukunft andere, vielleicht bessere
Lösungen entwickeln kann; aber das löst nicht unser
Problem von heute. Verehrte Kollegen, das ist der Grund,
warum wir heute zum wiederholten Male die Frage
diskutieren: Widerspruchslösung oder Zustimmungslösung?
Jeder Bürger, der heute diese Debatte verfolgt, erkennt,
wie sich für beide Auffassungen gewichtige Argumente
ins Feld führen lassen. Aber bedenken Sie bitte: Unsere
Entscheidung wird Auswirkungen auf das Leben und das
Überleben anderer Menschen haben.
Sehr geehrte Damen und Herren, wir sind umgeben
von Demokratien und Rechtsstaaten. Fast alle unsere
europäischen Nachbarländer haben sich bereits für die
Widerspruchslösung entschieden. Die dortige Praxis der
Organspende hat nach meiner Überzeugung das
Argument entkräftet, dass die Widerspruchslösung ein Eingriff
in das Selbstbestimmungsrecht ist. Alle Bürger erwarten,
wenn sie noch gesund sind, dass sie irgendwann, wenn sie
vom Schicksal getroffen werden, die Errungenschaften
der Transplantationsmedizin in Anspruch nehmen
können. Die geltende Rechtslage kann diese Erwartungen
nicht erfüllen, die Widerspruchslösung kann es
hoffentlich etwas besser. Und deshalb hat jeder gesunde Mensch
nach meiner Überzeugung die Bürgerpflicht, sich mit
diesem Thema auseinanderzusetzen.

Dafür gibt es Informationskampagnen und das
Organspende-Register. Denn wenn im Krankheitsfall das
Überleben von einer Organspende abhängt, dann habe ich
noch nie einen Menschen erlebt, der sagt: Ich verzichte. –
Die geltende Gesetzeslage hat zur Folge, dass Organe nur
deshalb nicht zur Verfügung stehen, weil zu wenige
Menschen diese lebensrettende Entscheidung dokumentiert
haben. In naher Zukunft werden wir hier im Bundestag
zu dieser Frage eine Gewissensentscheidung treffen. Die
Argumente für die Beibehaltung der Zustimmungslösung
kann ich zwar nachvollziehen, aber nach intensiver
Abwägung und intensivem Nachdenken sind die Argumente
für die Einführung der Widerspruchslösung für mich
überzeugender.

Die entscheidende Frage, die wir uns bei der
Abstimmung stellen müssen, lautet: Welche Regelung trägt dazu
bei, Menschenleben zu retten?
Vielen Dank.