Politics

Dr. Martin Plum, MdB, CDU/CSU

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die AfD offenbart heute Abend einmal mehr ihre unvergleichliche Doppelzüngigkeit. Allen gemeinnützigen Organisationen und gleich auch noch allen von ihnen unterstützten Organisationen will sie Boykottaufrufe aus parteipolitischen Gründen verbieten. Kurz gesagt: Die AfD will weiten Teilen unserer Zivilgesellschaft einen Maulkorb verpassen. Wer AfD-nahe Unternehmen kritisiert, soll künftig zum Schweigen gebracht werden.
Versteckt wird das Ganze ausgerechnet im Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen. Das regelt eigentlich den Wettbewerb zwischen Unternehmen; mit dem Verhalten gemeinnütziger Unternehmen hat es nichts am Hut. Das macht nichts aus Sicht der AfD, überzeugt aber gesetzessystematisch überhaupt nicht.
Hinzu kommt: Der zentrale Begriff des Gesetzentwurfs – „parteipolitische Gründe“ – bleibt völlig unklar. Die AfD macht sich nicht einmal die Mühe, ihn zu definieren. Statt ordentlicher Gesetzesarbeit schafft sie lieber einen klassischen Gummiparagrafen, ganz im Sinne ihrer allerbesten Freunde in Moskau oder Peking.

Damit greift die AfD frontal die Meinungsfreiheit an. Seit dem sogenannten Lüth-Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1958 ist klar: Boykottaufrufe sind von der Meinungsfreiheit gedeckt, wenn sie Ausdruck einer Meinung sind.

Und genau das ist bei Boykottaufrufen aus politischen Gründen der Fall. Die AfD, die sich sonst so gerne als Hüterin der Meinungsfreiheit inszeniert, will sie hier also erst mal selbst schleifen.

Damit zeigt sie ihr wahres Gesicht: Meinungsfreiheit nur für die eigene Meinung, nicht aber für Andersdenkende.

Besonders bemerkenswert ist schließlich die offensichtliche Doppelmoral. Die AfD will anderen genau das verbieten, was sie ständig selbst praktiziert. Einige Beispiele: Als Fans des 1. FC Köln den damaligen AfD-Chef kritisierten, rief ein AfD-Kreisverband zum Boykott von dessen Hauptsponsor Rewe auf – aus rein parteipolitischen Gründen.

Als AfD-Kandidaten nicht an einer TV-Sendung teilnehmen durften, rief AfD-Chefin Alice Weidel zum Boykott des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf – aus rein parteipolitischen Gründen. Als ein Fake-Plakat mit der Aufschrift „Sag Nein zur AfD“ die Runde machte, riefen gleich mehrere AfD-Politiker zum Boykott von Coca-Cola auf – aus rein parteipolitischen Gründen.

Boykottaufrufe aus parteipolitischen Gründen gehören also zum festen Repertoire der AfD selbst.

Damit aber nicht genug. AfD-Vize Kay Gottschalk rief 2018 gar zum Boykott türkischer Geschäfte auf, weil deren Inhaber zumeist Recep Tayyip Erdoğan unterstützten. Spätestens hier werden Erinnerungen an dunkelste Kapitel deutscher Geschichte wach, und zwar wieder einmal geweckt durch niemand anderen als die AfD, liebe Kolleginnen und Kollegen.

Wer wie die AfD ständig zum Boykott aufruft, sollte sich nicht mimosenhaft in die rechte Ecke stellen, wenn ihm selbes widerfährt.

Stattdessen sollte er sich lieber an die eigene Nase packen. Das Problem ist nicht die Meinungsfreiheit; das Problem ist und bleibt die AfD.

Der gesamte und damit endgültige Stenografische Bericht der 68. Sitzung wird am 31. März 2026 veröffentlicht.

Anlagen zum Stenografischen Bericht

Anlage 1

Entschuldigte Abgeordnete

Abgeordnete(r)

Abdi, Sanae
SPD

Becker, Carsten
AfD

Brandes, Dirk
AfD

Bremer, Anne-Mieke
Die Linke

Brugger, Agnieszka
BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN

Droßmann, Falko
SPD

Feiler, Uwe
CDU/CSU

Gauland, Dr. Alexander
AfD

Gysi, Dr. Gregor
Die Linke

Hauer, Matthias
CDU/CSU

Henze, Stefan
AfD

Hess, Martin
AfD

Höchst, Nicole
AfD

Hostert, Jasmina
SPD

Junge, Frank
SPD

Komning, Enrico
AfD

Kramme, Anette
SPD

Machalet, Dr. Tanja
SPD

Merendino, Stella
Die Linke

Möller, Siemtje
SPD

Nanni, Sara
BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN

Özdemir, Cansu
Die Linke

Pawlik, Natalie (gesetzlicher Mutterschutz)
SPD

Pistorius, Boris
SPD

Rainer, Alois
CDU/CSU

Schäfer, Dr. Sebastian
BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN

Schnieder, Patrick
CDU/CSU

Schwartze, Stefan
SPD

Streeck, Dr. Hendrik
CDU/CSU

Taher Saleh, Kassem
BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN

Teich, Tobias
AfD

Wagner, Sascha
Die Linke

Wirth, Dr. Christian
AfD

Wolf, Dr. Alexander
AfD

Der gesamte und damit endgültige Stenografische Bericht der 68. Sitzung wird am 31. März 2026 veröffentlicht.