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Johannes Wagner, MdB, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich könnte heute anlässlich des Antrages „75 Jahre WHOeine Erfolgsgeschichte
erzähleneine Geschichte der Ausrottung von Pocken und Polio, von sinkender Kindersterblichkeit und steigenden HIV-Therapiezahlen. Das hätte seine
Berechtigung; denn die WHO hat in ihrer Arbeit unendlich viel Leid und Elend gemildert. Aber es gibt da noch große Herausforderungen, und vielleicht haben wir
in den aktuellen Zeiten noch größere Herausforderungen als in der Vergangenheit.
Auf drei Herausforderungen möchte ich kurz eingehen: erstens auf die Finanzierung der WHO, zweitens auf Verschwörungsmythen und Fake News als
GesundheitsgefahrSie haben es angesprochen, Herr Gröheund drittens auf die größte Gefahr für die globale Gesundheit in diesem Jahrhundert: die Klima- und
Biodiversitätskrise.

Ich komme zum ersten Punkt: die Finanzierung. Eine starke WHOwir haben es jetzt mehrfach gehörtgibt es nur mit einer nachhaltigen Finanzierung
der WHO. Da geht es einmal um die Menge. Der Jahresetat der WHO ist vergleichbar mit dem Jahresetat der Berliner Charité, und das für eine Organisation, die auf
der ganzen Welt arbeiten soll.

Aber es geht zum anderen auch um die Art der Finanzierung. Früher konnte die WHO auf rund 80 Prozent des Etats selbst zugreifen und selbst darüber
bestimmen. Heute sind es nur noch rund 20 Prozent. Der Rest sind zweckgebundene Spenden. Das bedeutet: Spenderseien es Mitgliedstaaten oder auch private
Stiftungengeben enge Rahmen vor, was mit dem Geld passieren darf, und setzen dadurch eigene Interessenschwerpunkte. Und das, liebe Kolleginnen und Kollegen,
ist durchaus problematisch und muss sich ändern.

Letztes Jahr haben sich die Mitgliedstaaten der WHO selbst verpflichtet, den Anteil der Kernbeiträge wieder schrittweise auf 50 Prozent anzuheben.
Diese Selbstverpflichtung gilt es nun auch umzusetzen. Im Antrag fordern wir die Bundesregierung dazu auf, bei allen Partnerländern auf diese Erhöhung der
Pflichtbeiträge hinzuwirken. Aber wir müssen auch unseren eigenen Haushalt betrachten und diese Selbstverpflichtung umsetzen. Die Finanzierung der WHO ist einer
der wichtigsten Beiträge, den wir leisten können, um Gesundheit weltweit und damit auch hier bei uns zu schützen.

Da kann es nicht sein, dass die WHO nächstes Jahr weniger Mittel von uns bekommt als vor der Pandemie, meine Damen und Herren.

Die zweite Herausforderung der WHO ist die Krise durch Verschwörungsmythen. Der WHO-Generaldirektor Dr. Tedros hat einmal gesagt: Wir kämpfen gegen
zwei Pandemien. Die eine ist die Coronapandemie, und die andere ist die Falschinformationspandemie, eine Infodemie. – Der Kampf gegen letztere sei schwieriger,
sagte er. Wir alle merken diese Infodemie auch an den Debatten hier im Haus:

Deutschland gibt seine Souveränität ab. Die WHO lenkt das Weltgeschehen. – Was manche Abgeordnete hier auf der rechten Seite so von sich geben, ist
vollkommener Quatsch und brandgefährlich.

Alle Entscheidungen, die in der WHO getroffen werdensei es der Pandemievertrag oder seien es die Änderungen der internationalen
Gesundheitsvorschriften –, werden hier im Parlament abgesegnet. Deswegen ist es gut und richtig, dass wir heute hier im Parlament das Mandat der WHO als
führende koordinierende Institution im Bereich der globalen Gesundheit bekräftigen.
Ich komme nun zur dritten Herausforderung: die Klima- und Biodiversitätskrise. Sie ist die größte Gefahr für die globale Gesundheit in diesem
Jahrhundert. Ein Virus, das sich von einem Tier auf einen Menschen überträgtmehr hat es nicht gebraucht, um die gesamte Welt aus den Fugen geraten zu lassen.
Millionen von Menschen sind gestorben, viele mehr sind erkrankt, und ganze Volkswirtschaften wurden in die Knie gezwungen. Das, liebe Kolleginnen und Kollegen,
wird kein Einzelfall bleiben, wenn wir jetzt nicht vorbeugen.

75 Prozent der neu auftretenden Infektionskrankheiten sind Zoonosen, also Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden. Das ist die
direkte Folge davon, dass wir Lebensräume, Artenvielfalt und Ökosysteme systematisch zerstören.

Zusätzlich bringen das veränderte Klima und seine Folgen Tiere dazu, ihre angestammten Lebensräume zu verlassen. Viren wandern mit und können auf eine
andere Tierart und auch auf uns Menschen überspringen. Deswegen ist es so wichtig, dass wir mit dem Pandemievertrag ein Instrument schaffen, das Pandemien
vorbeugt.

Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, es gibt einen Vertrag, der mindestens genauso wichtig, vielleicht sogar noch wichtiger ist. Hitzewellen,
Extremereignisse, Ernteausfälledie Klimakrise ist und bleibt die größte Gesundheitsgefahr für diesen Planeten.

Das macht das Pariser Klimaabkommen zum wichtigsten Gesundheitsabkommen aller Zeiten.

Dieses Abkommen müssen wir umsetzen; denn Klimaschutz ist auch Gesundheitsschutz.
Vielen herzlichen Dank.